Die Staufer und Europa

Anachronistische Deutungen / Kein Vorläufer des vereinten Europas

Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Stauferkaiser Friedrich Barbarossa ("Rotbart") als derjenige gedeutet, dessen politische Pläne nun endlich von Kaiser Wilhelm ("Weißbart") mit der Reichsgründung vollendet wurden. Das 1896 fertiggestellte Kyffhäuserdenkmal mit dem oben reitenden Wilhelm und dem unten erwachenden Friedrich ist die monumentale 3D-Umsetzung dieser Vorstellung.


VON PETER KOBLANK (2016)

Kyffhäuserdenkmal (1896).

Im Dritten Reich wurde der Angriff auf die Sowjetunion unter dem Codenamen "Unternehmen Barbarossa" vorbereitet. Diesmal war es Adolf Hitler, der die Barbarossa unterstellte fehlerhafte Orientierung in Richtung Süden mit einem Feldzug in die nach damaliger Auffassung richtige Richtung, nämlich nach Osten korrigieren wollte.

Dass auch unsere Zeit nicht frei ist von anachronistischen Geschichtsdeutungen, die den Zeitgeist in historisch unzulässiger Weise rückwärtsprojizieren, zeigt die Inanspruchnahme des "Stauferreichs" als Vorgänger des vereinten Europa.

Friedrich Nietzsche

Schon Friedrich Nietzsche brachte Europa mit einem Stauferkaiser in Verbindung. 1886 bezeichnete er "den Hohenstaufen Friedrich den Zweiten" neben Alkibiades, Cäsar und Leonardo da Vinci als einen jener "zauberhaften Unfassbaren und Unausdenklichen, jene zum Siege und zur Verführung vorherbestimmten Rätselmenschen" und qualifizierte ihn als "jenen ersten Europäer nach meinem Geschmack".1 Es ist unklar, was der Philosoph damit genau sagen wollte.

Auch wieder eher beiläufig2 bezeichnete Nietzsche im letzten Jahr, bevor er in geistige Umnachtung fiel, den Staufer als einen "grosse[n] Freigeist, das Genie unter den deutschen Kaisern"3 sowie als "einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut" und "einen meiner Nächstverwandten".4 Die Sichtweise Nietzsches wurde für den Kreis um Stefan George bestimmend, zu dem auch Ernst Kantorowicz mit seiner Biografie Friedrichs II. gehörte, die allerdings für die aktuelle Forschung keine Rolle mehr spielt.5

Walter Scheel

1977 erklärte der damalige Bundespräsident Walter Scheel in seiner Rede zur Eröffnung der Stauferausstellung in Stuttgart: "Geschichte, Kunst und Kultur der staufischen Zeit sind ein Lehrstück für die geistige Gemeinsamkeit und Ausstrahlungskraft Europas."

Walter Scheels anachronistische, also den damaligen Realitäten nicht gerecht werdende Deutung der Stauferzeit, wird vom Komitee der Stauferfreunde auf Dänisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Polnisch, Spanisch, Tschechisch, Ukrainisch, Latein und Schwäbisch wiedergegeben:6

Es gab aber im 12. und 13. Jahrhundert keine geistige Gemeinsamkeit der Geschichte Europas. Der größte gemeinsame Nenner war vielleicht der christliche Glaube, der hier aber nicht gemeint sein dürfte, zumal dies kein Alleinstellungsmerkmal der Stauferzeit war.

Zwar planten und führten alle Stauferkaiser Kreuzzüge ins Heilige Land und förderten damit das Zusammenwachsen der lateinischen Christenheit.7 Die Stauferzeit war aber alles andere als "a Muschterbeischpiel da drfür, wie des Europa oi Herz ond oi Seel sei sott", wie am Ende der oben abgebildeten Seite in der schwäbischen Übersetzung treuherzig behauptet wird.

Mit Anachronismus wird das falsche zeitliche Einordnen von Ereignissen, Personen und Dingen oder Vorstellungen bezeichnet. Der Begriff kommt vom griechischen ἀναχρονισμός und bedeutet "gegen (ἀνα) die Zeit (χρόνος)". Etwas wird in einen historischen Kontext gestellt, in den es in dieser Form nicht passt.

Europaphantasien

Bei den Einweihungsfeiern der Stauferstelen wird Europa fast immer auf die eine oder andere Weise thematisiert. Hier einige in der Presse dargestellte Beispiele:

  • In Heilbronn wurde allen Ernstes erklärt, die Europäische Union sei ein Nachfahre der Staufer, die Staufer seien das erste europäische Geschlecht gewesen und hätten sie weiterregiert, hätten etliche Kriege vermieden werden können.8
  • In Cheb wurde die Goldene Bulle von Eger als Urkunde deklariert, die für ganz Europa bedeutsam war. Die Egerer Burg sei an diesem Tag zum Mittelpunkt der ganzen damaligen christlichen Welt erhoben worden.9 In Wirklichkeit hat Friedrich II. in dieser Urkunde jedoch nichts geregelt, was über die Grenzen des römisch-deutschen Reiches und des Kirchenstaates hinaus wirksam war.
  • Bei der Einweihung der Stauferstele in Schwäbisch Gmünd hieß es, die Staufer hätten wie kein anderes Geschlecht des Mittelalters die Kultur in Europa beeinflusst. Und der Stauferkaiser Heinrich VI. habe – so die vielleicht haarsträubendste all dieser Europaphantasien – ein Reich unter sich gehabt, an das Europa heute noch nicht wieder heranreiche.10
  • In Esslingen meinte ein Sprecher des Komitees, die Stelen machten deutlich, wie die Völker in Europa einst verbunden waren, bevor sie sich in nationale Staaten abgrenzten.11 Tatsache ist zwar, dass die Stauferstelen auf fünf europäische Staaten verteilt sind und in Gebieten stehen, die früher zum Heiligen Römischen Reich gehörten. Daraus aber eine damalige Verbundenheit "der Völker Europas" zu konstruieren, ist anachronistische Nostalgie.

Von Lübeck bis Palermo

Tatsächlich herrschten die Stauferkaiser Heinrich VI. und Friedrich II. im Zentrum Europas in einem riesigen Gebiet, das sich von Lübeck bis Palermo und von Lyon bis Wien erstreckte und auf der Europakarte grün umrahmt ist:

Europa zur Zeit der Staufer (um 1200). In: Julius von Pflugk-Harttung (Hrsg.): Ullsteins Weltgeschichte. Band 2: Mittelalter, Berlin 1910, Beilage.
Königreich Sizilien (grün).

Sein Erbkönigreich Sizilien, zu dem neben der Insel auch ganz Süditalien gehörte, formte Friedrich II. zu einem straff organisierten und für die damalige Zeit modernen Staatswesen. Der Süden, wo er ja auch aufgewachsen war, bildete ab 1220 seinen endgültigen Lebensmittelpunkt, nur von 1235 bis 1237 hielt er sich nochmals nördlich der Alpen auf.

Das römisch-deutsche Reich im Norden, dessen Kaiser er war, ließ er zunächst von seinem Sohn König Heinrich (VII.) regieren, wobei bis zu dessen Volljährigkeit Reichsgubernatoren die Herrschaftsgewalt ausübten. Nachdem er 1235 seinen Sohn Heinrich abgesetzt hatte, wählten die Fürsten 1237 Friedrichs achtjährigen Sohn Konrad IV. zum König, der auch wieder durch Reichsgubernatoren vertreten wurde.

Der Untergang der Staufer

Nachdem Konrad IV. selbst die Regierung übernommen hatte, wurde 1246 Heinrich Raspe und nach dessen Tod 1247 Wilhelm von Holland zum Gegenkönig gewählt. Die Herrschaft der Staufer war im Norden de facto zerbrochen.

Aus diesem Grund zog Konrad IV., nachdem sein Vater Friedrich II. 1250 gestorben war, in den Süden, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1254 das Königreich Sizilien regierte. Ihm folgte sein Halbbruder Manfred als König. 1266 eroberte Karl I. von Anjou, ein Bruder des französischen Königs, das sizilianische Königreich und Manfred fiel in der Schlacht bei Benevent.

Konrads IV. Sohn Konrad ("Konradin") blieb in Deutschland bedeutungslos und wurde bei dem Versuch, sein sizilianisches Erbe zurückzuerobern, 1268 in Neapel enthauptet, womit die Staufer im Mannesstamm ausgestorben waren.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Friedrich II., Konrad IV. und Konradin Könige von Jerusalem waren. Der Kaiser hatte diesen Titel durch eine Ehe erworben und beim fünften Kreuzzug im Jahre 1229 Jerusalem auf dem Verhandlungswege für die Christen zurückgewonnen. Allerdings wurde die heilige Stadt schon 1244 von den Muslimen zurückerobert.

Dem Staufer Friedrich II. und seinen Söhnen mangelte es an entsprechenden Machtmitteln, das römisch-deutsche Kaiserreich und das Königreich Sizilien (und womöglich auch das Königreich Jerusalem) unter den damaligen politischen Randbedingungen auf Dauer zu beherrschen.12 Schon zu Lebzeiten Kaiser Friedrichs II. kollabierte die Stauferherrschaft in Deutschland und fiel Jerusalem an die Ayyubiden. Sechzehn Jahre nach seinem Tod war auch im Königreich Sizilien die Zeit der Staufer abgelaufen.

Vorläufer der Europäischen Union?

Es gibt daher nicht die geringste Veranlassung, dieses nicht zuletzt an seiner geografischen Ausdehnung gescheiterte "Stauferreich" als einen Vorläufer der Europäischen Union zu sehen.

Europa war ein Begriff der Geographen; Barbarossas römisches Reich lag zwar in diesem Kontinent, sollte aber nicht dessen Fläche füllen.13

Gegen diese Deutung spricht auch ein Blick auf die obige Landkarte von Europa zur Zeit der Staufer. Weite Teile Europas gehörten nicht zu dem von den Staufern regierten Gebiet: die Königreiche Portugal, Leon, Kastilien, Navarra und Aragon, das Reich der Almohaden, die Königreiche Frankreich, England sowie Wales, Schottland in Irland, die Königreiche Dänemark, Schweden, Polen, Ungarn, Serbien, Bulgarien, das Russische Reich und die Reste des Byzantinischen Reiches.

Und diese Staaten einschließlich den beiden staufisch regierten waren, um nochmals auf die Broschüre des Komitees der Stauferfreunde zurückzukommen, absolut kein "Musterbeispiel für ein Europa, das ein Herz und eine Seele war".

Peter Csendes

"Natürlich wird heute niemand mehr ernsthaft versuchen, das Handeln der Staufer unter den Gesichtspunkten aktueller politischer Gegebenheiten zu betrachten und zu bewerten, in Heldenverehrung verfallen oder etwa der räumlichen Ausdehnung der staufischen Herrschaft eine Präfiguration des vereinten Europas sehen wollen," schrieb der österreichische Historiker Peter Csendes vor zwanzig Jahren.14

Damit hat er – zumindest was die Fachwelt betrifft – genau auf den Punkt gebracht, was zum Thema Die Staufer und Europa zu sagen ist.

1.  Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse: Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. Erstdruck Leipzig 1886, Fünftes Hauptstück, Kapitel 200. Onlineversion bei nietzschesource.org.
2.  Olaf B. Rader: Friedrich II. Der Sizilianer auf dem Kaiserthron. München 2012, S. 518.
3.  Friedrich Nietzsche: Antichrist. Entstanden 1888. Erstdruck Naumburg 1895, Kapitel 60. Onlineversion bei nietzschesource.org.
4.  Friedrich Nietzsche: Ecce homo. Wie man wird, was man ist. Entstanden 1888-89. Erstdruck Leipzig 1908, Kapitel 9 [Also sprach Zarathustra], Nr. 4. Onlineversion bei nietzschesource.org.
Das französische comme il faut bedeutet wie es sich gehört, musterhaft, vorbildlich (wörtlich: wie es [sein] muss).
5.  Klaus Graf: Der Mythos Staufer. Eine schwäbische Königsdynastie wird erinnert und instrumentalisiert. In: Schwäbische Heimat 2010/3, S. 296-306, hier: S. 302.
6.  Komitee der Stauferfreunde: Stauferfreunde stiften Stauferstelen, Gerlingen 2014, S. 80.
7.  Arno Borst: Die Staufer und Europa. In: Arno Borst: Reden über die Staufer, Wien 1978, S. 9-26, hier: S. 22.
8.  Helmut Buchholz: Kaiserliche Hoheiten bei Enthüllung der Stauferstele. Familie Rettenmaier stiftet Denkmal zur Erinnerung an Adelshaus. EU-Kommissar Oettinger plädiert für Export von Werten. In: Heilbronner Stimme, 3. März 2014, S. 25. – Konrad Gill: Stauferstelen. In: Sezession, 13. Jahrgang, Heft 69, Dezember 2015, S. 45-46.
9.  Eger im Mittelpunkt europäischer Politik. In: Der neue Tag, 9. Juli 2013, S. 21. – Zur Goldenen Bulle von Eger siehe auch: Stauferstele Cheb.
10.  Staufer-Stele enthüllt. Auf remszeitung.de, 1. April 2012.
11.  Sabine Försterling: Stauferstele enthüllt. In: Eßlinger Zeitung, 6.6.2016.
12.  Theo Kölzer: Die Staufer im Süden - eine Bilanz aus deutscher Sicht. In: Gesellschaft für staufische Geschichte e.V. (Hrsg.): Das Staunen der Welt. Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen 1194-1250, Göppingen 1996, S. 72-97, hier: S. 75.
13.  Arno Borst, a.a.O. S. 15.
14.  Peter Csendes: Ut ... clara clariola ... appareant. In: Sönke Lorenz/Ulrich Schmidt (Hrsg.): Von Schwaben bis Jerusalem, Sigmaringen 1995, S. 11-14, hier: S. 12.

Nachtrag

Bei der Einweihung der Güglinger Stauferstele wurde laut Heilbronner Stimme vom 3. April 2017 allen Ernstes erklärt: "Wir müssen die Staufer als Europäer betrachten, die uns geprägt haben." Die Stele sei zu interpretieren "als ein gemeinsames Zeichen, sich weiterhin für die Sicherheit Europas einzusetzen." Ausschnitt.

stauferstelen.net