Wo brach Friedrich II. nach Deutschland auf?

Die Reise könnte im März 1212 in Palermo oder in Messina gestartet haben

Laut Stauferstele Justingen brach der siebzehnjährige Friedrich am 18. März 1212 in Palermo auf, um die Herrschaft im römisch-deutschen Reich zu erlangen. Tatsächlich wird Palermo in einigen Geschichtswerken als Ausgangspunkt dieser Reise von welthistorischer Bedeutung genannt. Andere Historiker schreiben, der Staufer sei von Messina aus gestartet.


VON PETER KOBLANK (2017)

Angela Gantke, Autorin eines Romans über Friedrich II., die an einem zweiten Werk über den Stauferkaiser arbeitet, wollte Klarheit schaffen. Dazu bat sie einen ehemaligen Professor für Geschichte und früheren Präsident einer staufergeschichtlichen Vereinigung, der als führender Experte für Friedrich II. und seine Zeit gilt, um Aufklärung.

Hier seine Expertise vom Februar 2017:

Friedrichs Reise nach Deutschland begann nach Auffassung einiger Historiker in Messina. So auch bei Hubert Houben, Kaiser Friedrich II. (1194-1250) Herrscher, Mensch und Mythos, Stuttgart 2007, S. 33.

Dass Friedrich von Messina aus startete, ist aufgrund der damals dort ausgefertigten Urkunden eigentlich sicher. Auch wenn er an der Krönung seines Sohnes in Palermo Ende Februar oder eher am 4. März, dem Sonntag Letare, teilnahm, was wahrscheinlich, aber nicht dokumentiert ist, konnte er die knapp zweihundert Kilometer nach Messina bei günstigem Wetter zu Schiff in zwei, zu Pferd in vier Tagen zurücklegen. Selbst wenn er etwas länger unterwegs war, reichte es also zu einem Aufenthalt in Messina vor dem Start um den 15. März.

Messina war der Platz, an dem vor wenigen Monaten Kaiser Otto zu landen gedachte und den Friedrich damals sicherte und zu verteidigen trachtete. Während seiner bevorstehenden langen Abwesenheit musste er damit rechnen, dass es wieder zum Versuch einer Eroberung von Sizilien von Messina aus kommen könnte, etwa von Seiten des noch vielfach zu seinen Gegnern gehörenden Adels auf dem Festland. Deswegen lag ihm vermutlich daran, vor seiner Abreise gerade mit jenen Gefolgsleuten letzte Absprachen zu treffen, die diesen so wichtigen Platz eventuell verteidigen mussten.

Nicht zuletzt des feindlichen Festlandsadels wegen wählte Friedrich ja auch nicht den Landweg, sondern den Seeweg nach Gaeta, der im Übrigen, gutes Wetter vorausgesetzt, auch bequemer und vor allem schneller war. Letzte Sicherheit darüber, was einen Menschen vor 800 Jahren zu seinem Tun veranlasste, wird man freilich selten erhalten.

Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, dass es sich bei der Inschrift der Stauferstele, die eine Abreise in Palermo behauptet, um ein weiteres jener Errata handelt, die sich ja bereits dutzendweise auf anderen Stelen nachweisen lassen. Doch bei näherer Prüfung ergibt sich ein differenzierteres Bild.

Die Urkunden helfen bei dieser Frage nicht weiter

Die im ersten Satz der Expertise genannten Urkunden, die Friedrich II. in Messina und Gaeta ausgestellt hat, sind in den Monumenta Germaniae Historica veröffentlicht und hier als PDF-Datei abrufbar.

Aus diesen Urkunden lässt sich keineswegs zwingend ableiten, dass Friedrich II. Mitte März 1212 von Messina aus nach Gaeta abgereist ist:

  • Im März 1212 ließ Friedrich II. drei Urkunden in Messina (Nr. 152-154) und eine in Gaeta (Nr. 157) ausstellen. Auf keiner dieser Urkunden ist der Tag der Ausstellung angegeben.
  • Zwei weitere Urkunden haben keine (Nr. 155) bzw. eine für falsch erachtete Datierung (Nr. 156) und es ist lediglich eine Vermutung, dass diese beiden im März 1212 in Messina ausgestellt wurden. Dass sie auf vor Mitte März datiert werden, ist eine willkürliche Annahme der Herausgeber und kann ganz außer Betracht bleiben.
  • Der März hat (auch im damaligen römischen Kalender) 31 Tage und es kann durchaus sein, dass Friedrich Anfang März in Messina war, dann in die Hauptstadt Palermo zog und am 18. März 1212 von dort aus nach Gaeta abgesegelt ist.

Woher kommt der "Aufbruch in Palermo am 18. März 1212"?

Die Abreise in Palermo am 18. März wurde im Jahre 1824 von Friedrich von Raumer in seiner sechsbändigen Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit im dritten Band auf Seite 176 in die Welt gesetzt:

Sobald, diesen Ansichten gemäß, Konstanze zur Regentinn des Reiches ernannt und der junge Heinrich als Thronerbe gekrönt war, segelte Friedrich am Palmsonntage, den 18ten März 1212, von Palermo ab, landete bei Gaeta und ordnete mehrere Geschäfte in Benevent. Ganze Seite.

Es stimmt, dass im Jahre 1212 der Palmsonntag am 18. März war. Ich habe jedoch nicht herausgefunden, auf Grund welcher Quellen Raumer die Abreise in Palermo an diesem Tage behauptet. Wenn in mehreren moderneren Biographien stattdessen von einer Abreise in Messina die Rede ist, scheinen andere wohl ebenfalls vergeblich nach einer Bestätigung für die Abreise am 18. März in Palermo gesucht zu haben.

Raumers möglicher Weise aus der Luft gegriffenen Angaben wurden nichtsdestotrotz von zahlreichen späteren Historikern kolportiert und sind schließlich auch auf der Stauferstele gelandet.

Fazit

Es mag unklug sein, eine vor fast zweihundert Jahren aufgestellte und heute in Fachkreisen umstrittene Behauptung auf einer Stauferstele einzumeißeln. Dennoch: Die Abreise am 18. März 1212 in Palermo ist auf Grund der bekannten Quellen durchaus möglich. Die obige Expertise widerlegt dies keineswegs.

Die Autorin Angela Gantke steht in dieser Frage also wieder da, wo alles begonnen hat.

In Messina und Gaeta ausgestellte Urkunden (MGH DD FII Nr. 151-157)    PDF Version

Friedrich von Raumer: Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit, Band 3, Leipzig 1824

Stauferstele Justingen

Errata der Stauferstelen

Angela Gantke: Er lebt und er lebt nicht