REUTLINGEN 2018

Reutlingen von der Achalm aus nordöstlicher Richtung fotografiert. In der Mitte die Marienkirche, die zu den bedeutendsten Sakralbauten der Gotik in Württemberg gehört. Rechts der Kirche das Tübinger Tor, links der Kirche die hohen Fachwerkgiebel des ehemaligen Königsbronner Klosterhofs und des Spendhauses. Die Stauferstele wird links außerhalb des Fotos an der Ecke Zeughaus-/Mauerstraße stehen.

Einweihung der 38. Stauferstele
Freitag, 21. September 2018 um 16:30 Uhr im Spitalhof
Einladung

Hintergrundinformationen zur Stauferstele

Reutlingen wird erstmals 1089 im Bempflinger Vertrag genannt, in dem ein Zeuge namens Roudolfus de Rutelingin urkundet. Der Vertrag, bei dem es um die Gründung des Benediktinerklosters Zwiefalten durch die Grafen von Achalm ging, ist nicht im Original, sondern indirekt über einen Bericht in der um 1135 verfassten Zwiefaltener Chronik des Mönches Ortlieb erhalten.1

Stadterhebung spätestens 1240

Zur Stadterhebung existieren keine zeitgenössischen Quellen, sondern lediglich Aufzeichnungen aus dem 13. bis ins 17. Jahrhundert, die sich jedoch gegenseitig widersprechen. Demnach wurde Reutlingen möglicherweise vom staufischen Kaiser Friedrich I. Barbarossa, vom welfischen Kaiser Otto IV. oder aber von Barbarossas Enkel Kaiser Friedrich II. zur Stadt erhoben.

Unter Berücksichtigung aller verfügbarer Informationen kann man lediglich zu dem Ergebnis kommen, dass die Stadterhebung Reutlingens spätestens im Jahre 1240 in der Regierungszeit von Friedrich II. erfolgt sein muss. Es gibt also, wie auch bei vielen anderen Stadtgründungen, auch bei Reutlingen nur einen Terminus ante quem.2 Mehr Details.

Belagerung durch Anhänger von Heinrich Raspe

Nachdem Kaiser Friedrich II. von Papst Innozenz IV. als abgesetzt erklärt worden war, hielten die Reutlinger den Staufern weiterhin die Treue.

Antistaufische Anhänger von Heinrich Raspe von Thüringen, dem Gegenkönig von Friedrichs Sohn König Konrad IV., belagerten Reutlingen ohne Erfolg. Diese Belagerung fand Pfingsten 1247 statt3 und die Tatsache, dass Heinrich Raspe bereits am 16. Februar 1247 auf der Wartburg verstorben war, dürfte zum Erfolg der Reutlinger beigetragen haben.

Romanische Elemente im Chor der Marienkirche

Bau der Marienkirche

Der Überlieferung zufolge begannen die Reutlinger nach dieser überstandenen Belagerung mit dem Bau der Marienkirche, die aber erst nach einer langen Bauzeit im Jahre 1343 fertiggestellt wurde.

Angesichts der romanischen Sockel am Chor und den Chorflankentürmen war dies möglicherweise kein Neubau, sondern ein Um- und Ausbau einer bereits existierenden romanischen Basilika.4

Sturmbockloch im Chor der Marienkirche

Ein von den Raspe-Anhängern zurückgelassener über dreißig Meter (126 ½ Werkschuh) langer Sturmbock, wie man ihn damals zum Brechen von Stadtmauern und Stadttoren verwendete, soll in der Marienkirche aufgehängt, aber 1517 auf Geheiß des Kaisers Maximilian I. aus dem Gotteshaus entfernt worden sein. Durch das Westportal konnte man die Stange aber wegen der dort gegenüberliegenden Häuser nicht am Stück hinaustransportieren.

Tatsächlich gibt es in der Chorwand eine zugemauerte Stelle, durch die der Sturmbock damals nach Osten in die heutige Aulberstraße herausgeschoben worden sein könnte, ohne dass man ihn zersägen musste. Anschließend soll das Ungetüm an der Außenwand des Rathauses aufgehängt worden sein, wo es mitsamt Rathaus beim großen Stadtbrand 1726 vernichtet wurde.

Urkunde Konradins (1262). Vergrößerte Ansicht

Verpfändung durch Konradin

Bei einem Aufenthalt in Augsburg im November 1262 wies Konradin, der Sohn von Konrad IV., dem Grafen Ulrich I. von Württemberg gegen dessen Versprechen, ihm mit Rat und Tat beizustehen, weitere 400 Mark Silber auf die Güter in Achalm und Reutlingen an, die er bereits zuvor für 500 Mark an den Grafen verpfändet hatte.5

Mit Konradin starben die Staufer 1268 in männlicher Linie aus.

Der kleinere Zwingerturm, der höhere Kesselturm mit dem wie ein Dreieck angebauten Zeughaus sowie ein Stadtmauerrest mit Wehrgang werden Ecke Zeughaus-/Mauerstraße die spätmittelalterliche Kulisse der Stauferstele bilden. mehr...

Zeugnisse der Stauferzeit

Das Tübinger Tor (links) mit seinen Eckbuckelquadern gehörte zur stauferzeitlichen Stadtbefestigung und soll 1250/60 als Ersatz für einen Vorgängerbau errichtet worden sein, der 1247 Zeuge der Verteidigung der Stadt gegen die Anhänger von Heinrich Raspe gewesen war.6 Im 14. Jahrhundert wurde es mit einem Fachwerksaufsatz auf eine Höhe von 36 Metern erweitert. – Der Kirchbrunnen neben der Marienkirche (rechts) wurde 1561 errichtet. Die 1903 erneuerte Statue erinnert an Kaiser Friedrich II., der Reutlingen zur Reichsstadt erhoben haben soll.

Außen am Chor der Marienkirche ist das Sturmbockloch gekennzeichnet, durch das der Sturmbock Anno 1547 [sic!] hinausgeschoben worden sein soll. Innen steht an der entsprechenden Stelle im Chor eine teilweise nur schwer entzifferbare Inschrift mit dem korrekten Datum: Anno 1517 ward der Sturmbock welcher 270 Jahre hing in der Kirche allemal durch ein an dieser Stelle ausgebrochenes Loch hinausgeschoben.

Heute liegt südlich vom Chor der Marienkirche ein dreizehn Meter langes Replikat des Sturmbocks, den die stauferfeindlichen Belagerer 1247 zurückließen.

Blick vom Turm der Marienkirche auf die riesigen Fachwerkgiebel des ehemaligen Pfleghofs des Klosters Königsbronn und des Spendhauses (links). Der steinerne Kernbau des Königsbronner Hofs stammt aus dem Jahre 1278, der Fachwerkbau daneben und das gemeinsame Dach aus dem 16. und 18. Jahrhundert. Das Spendhaus dahinter ist ein Fruchtkasten aus dem 16. Jahrhundert. – Das Gartentor (rechts) wurde laut Infotafel erstmals im Jahre 1392 als Neues Tor genannt und war im Gegensatz zum Tübinger Tor wohl noch nicht Teil der staufischen Stadtmauer.

Blick vom Turm der Marienkirche auf die Achalm, den Reutlinger Hausberg. Der Gipfel auf einer Höhe von 707 Meter ü.N.N. ist nur zu Fuß zu erreichen. Parkplätze befinden sich auf der Höhe des rechts unten im Bild erkennbaren Achalm-Hotels. Die Burg auf dem Gipfel wurde im Rahmen des Krieges zwischen Kaiser Friedrich II. und seinem Sohn Heinrich (VII.) 1235 von den Anhängern des Kaisers erobert. Die Herren von Neuffen, denen die Burg damals gehörte und die auf der Seite des Sohnes standen, mussten deshalb die Burg Achalm abgeben.7

Von der ursprünglich im 11. Jahrhundert von den Grafen Egino und Rudolf von Achalm erbauten Burg sind nur noch wenige Reste der einstigen Ringmauer erhalten. Laut einer Infotafel im Turm ließ König Wilhelm I. von Württemberg im Jahre 1822 auf den Grundmauern des einstigen Bergfrieds einen vierzehn Meter hohen Turm erbauen. Heute führt eine Stahltreppe entlang seiner Innenwände zu einer Aussichtsplattform.

Vom Turm auf der Achalm kann man knapp zwanzig Kilometer östlich den Stammsitz der Herren von Neuffen erkennen, wo die Stauferstele Hohenneuffen steht. Dahinter die Burg Teck mit ihrem prägnanten Turm.

1.  Zwiefalter Chronik Ortliebs. MGH SS 10, S. 76, Zeile 47. – Siehe auch: Bempflinger Vertrag.
2.  Nur in seltenen Fällen, wie beispielsweise von Pfullendorf (1220) oder Heilbronn (1281), kennen wir das genaue Jahr der Stadterhebung. So haben wir beispielsweise von Schwäbisch Gmünd (1162), Ettlingen (1220) und Esslingen (1229) ebenfalls nur einen Terminus ante quem, an dem der Ort spätestens zur Stadt erhoben worden sein muss.
3.   Christoph Friedrich von Stälin: Wirtembergische Geschichte. Zweiter Teil. Schwaben und Südfranken. Hohenstaufenzeit 1080-1268, Stuttgart und Tübingen 1847, S. 198, Fußnote 3:
Eodem etiam anno Rutlingen civitas obsessa est in festo pentecostes. (Codices Vindobonenses Nr. 3264).
4.  Kurt Albrecht: Reutlingen. Beispiel der Entwicklung einer staufischen Reichsstadt. Ludwigsburg 1969, S. 14.
5.  WUB, Band VI., Nr. 1686. Abbildung der Urkunde.
6.  Bernd Breyvogel: Von den dörflichen Anfängen zur stolzen Reichsstadt. Reutlingen im Mittelalter. In: Wilhelm Borth, Bernd Breyvogel, Wolfgang Jung (Hrsg.): Reutlingen. Von der Reichsstadtherrlichkeit zur selbstbewussen Großstadt., S. 17–51, hier: S. 29.
7.  WUB, Band III., Nr. 863 und Nr. 864. Siehe auch Stauferstele Hohenneuffen.

Stifter der Stauferstele

Dr. Detlef Guhl und Dr. Lothar Guhl
In memoriam Bürgermeister Karl Guhl (1920–2008)

Einweihung: 21. September 2018


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